Erste Schritte

„War das jetzt wieder mein Fehler – oder will das Pferd nicht?“

Wer von uns hat nicht öfters diesen Gedanken, er begleitet uns auf Schritt und Tritt. Er lässt uns entweder sauer auf das Pferd werden oder frustriert zurück, weil wir es doch eigentlich langsam mal können müssten. Und eigentlich war es doch auch richtig…

Aber dürfen wir uns diese Fragen überhaupt stellen – bedeutet das nicht, beim Pferd vorauszusetzen, dass es genau weiß, was es machen soll? Woher soll dieses Wissen kommen? Hat es die genetische Veranlagung, Schenkelhilfen zu kennen und ein fremdes Wesen auf dem Rücken zu tragen? Diese Überlegungen sind einfach zu absurd, um sie weiter zu vertiefen. Alles, was das Pferd ausführen soll, müssen wir ihm beibringen – nicht die Bewegung an sich, aber diese Bewegung auf Kommando, also auf die Hilfen des Reiters hin, auszuführen. Was ein voll ausgebildetes Pferd betrifft, ist die oben genannte Frage zulässig, aber Hand aufs Herz – wer von uns besitzt ein solches Pferd? Und wer sorgt dafür, dass es auf diesem Stand bleibt?

 

Ein Grundproblem in allen Sparten der Reiterei ist, dass die wenigsten Pferde voll ausgebildet sind und man dennoch versucht, sie zu reiten, als ob sie es wären. Ob Sie es wollen oder nicht – sobald Ihr Pferd sich nicht im Vollberitt bei einem Profi befindet, sind Sie selbst der Ausbilder Ihres Pferdes. Aus dieser Verantwortung heraus ergibt sich nur eine Frage: Wie kann ich dem Pferd erklären, was ich von ihm möchte? Und die zweite Frage folgt zwangsläufig: Was will ich dem Pferd überhaupt erklären? In diesem Moment begeben wir uns auf einen spannenden Weg, es geht nicht mehr um Reitweisen, Schuldfragen und ähnliche Dinge. Lernverhalten, Psychologie und Bewegungsabläufe rücken plötzlich in den Mittelpunkt. Um diese beiden Fragen dreht sich das gesamte Buch, lassen Sie uns einfach schauen, wohin der Weg führt.

 

Ihr Thies Böttcher


Körperkontrolle

Wäre es nicht schön, dem Pferd sagen zu können: „Hab keine Angst“? Und das ist möglich, allerdings etwas anders, als man es sich vielleicht vorstellt. Viele Reiter versuchen ein Pferd zu beruhigen, wenn es sich aufregt, und genau darin liegt das Problem. Eine ruhige Stimme, ein Streicheln ist Belohnung, und wir geben dem Pferd diese Belohnung in dem Augenblick, wo es sich aufregt. Dadurch bestärken wir zwar nicht die Angst des Pferdes, unterbinden jedoch sein Verhalten auch nicht.

Eventuell werden Sie einwenden, dass Sie selbst es schon erlebt haben, dass ein aufgeregtes Pferd sich beruhigt hat, wenn Sie ruhig mit ihm gesprochen und es gestreichelt haben. Sie haben Recht, nur hat das aus einem anderen Grund funktioniert: Durch das Belohnen haben Sie sich selbst beruhigt und das aufs Pferd übertragen. An dieser Stelle möchte ich beschreiben, wie ich mit solchen Situationen umgehe.

 

Im Nervensystem aller Säugetiere gibt es zwei Systeme, die sich zueinander als Gegenspieler verhalten und sich gegenseitig beeinflussen: den Sympathikus und den Parasympathikus...

 

...Das Basismodul ist darauf angelegt, das Pferd durch die Arbeit aktiv in die Ruhe zu bringen, einen hohen Stellenwert dabei hat die Arbeit an der Hüfte.

 


Distanzen

Es war ein wunderschöner schwarzer Trakehner an meiner Hand und es sollte nur eine kleine Demonstration auf einem Kurs werden. Ziel war es, das Pferd „einfach nur“ auf Distanz zu halten.

Nach fünf Minuten sah ich meine Zeiteinteilung für den Kurs schon in weiter Ferne und die Zuschauer wurden langsam unruhig. Sämtliche Versuche meinerseits, das Pferd auf Abstand zu halten, wurden sehr massiv und konsequent mit Drängeln beantwortet. Was mir jedoch etwas Sorge bereitete, war die Tatsache, dass es von Minute zu Minute schlimmer und nicht besser wurde. Aus dem Publikum hörte man schon bruchstückhaft die entsprechenden Kommentare: „…dominant… durchsetzen… mal zeigen, wo es langgeht…“

 

Irgendetwas lief hier völlig falsch, denn dem Pferd fehlte die Gelassenheit bei seinen Aktionen, die wirklich dominante Pferde besitzen. Es sah vielmehr hilflos aus. Ich brach also ab und befragte das Publikum, was davon zu halten sei. Die Meinung war einhellig die, dass man dem Pferd gegenüber dominanter auftreten müsse.

 

Ob es Bockigkeit meinerseits oder Intuition war – ich entgegnete nur: „Es ist Angst, er fühlt sich provoziert“. Falls Sie jetzt glauben, dass die Leute daraufhin auf interessierte Weise erstaunt gewesen wären … Ich fühlte mich eher belächelt, und die Leute fragten sich wohl, bei wem sie denn da gelandet seien...



Basis-Modul: Reitübung 1

Einem Zügel nachgeben/Voltenarbeit

 

Wie soll es aussehen? Sie sitzen bequem auf dem Pferd und haben lediglich die innere Zügelhand auf Ihrem inneren Oberschenkel abgelegt. Das Pferd läuft dabei auf einer Volte und hat in Hals und Genick nachgegeben. Ohne weitere Hilfen bleibt das Pferd auf der Volte, es kippt weder nach innen auf die Schulter oder driftet mit der Hinterhand nach außen (dies passiert, wenn das Pferd sich auf den Zügel legt oder dagegen zieht) noch läuft es über die äußere Schulter weg (das Pferd weicht dem Gebiss aus).

In dieser Übung soll Ihr Pferd lernen, dem inneren Zügel nachzugeben und sich dabei auszubalancieren. . An dieser Stelle wird deutlich, welchen Einfluss der Zügel auf Kopf, Hals und Schultern des Pferdes hat. Dies ist keine Reit-Übung im eigentlichen Sinne . Sie bringen das Pferd in eine Situation, in der es selbst lernen soll, sich entsprechend zu bewegen; Sie geben ihm nur die Mittel dazu an die Hand. Ein Kind wird das Fahrradfahren auch am ehesten lernen, wenn Sie ihm ein Fahrrad schenken.

 

Step 1: Kopf und Hals.
Die meisten Pferde werden zuerst beginnen, sich gegen das einseitige Annehmen zu wehren (siehe S. xxx). Sie nehmen den Kopf hoch oder zur Seite, legen sich aufs Gebiss oder versuchen sich auf andere Weise zu entziehen. Kümmern Sie sich nicht darum, sondern warten Sie darauf, dass das Pferd kurze Zeit mit Kopf und Hals zur Seite hin nachgibt und Sie deutlich weniger Druck in der Hand spüren. In diesem Moment lassen Sie den Zügel wieder los und reiten entspannt weiter. Wiederholen Sie diese Übung auf jeder Hand drei bis fünf Minuten lang, bis das Pferd beginnt, verlässlicher und schneller richtig zu reagieren. Auch wenn sie keinen Druck mehr auf dem Zügel spüren möchten, zu diesem Zeitpunkt wird es noch so sein, da wir noch nicht auf die richtige Reaktion der Schulter geachtet haben.

 

Step 2: Schulterkontrolle. 

Ab diesem Zeitpunkt soll das Pferd nicht nur in Hals und Genick nachgeben, sondern auch seine Schulter besser positionieren. Vermutlich wird Ihr Pferd bei der Voltenübung die Volte entweder verkleinert oder vergrößert haben. Hat Ihr Pferd die Volte verkleinert, müssen Sie es lediglich mit beidseitigem Schenkeldruck immer wieder antreiben, bis es die Kreisbahn hält.

Läuft Ihr Pferd hingegen über die Schulter nach außen, geben Sie gleichzeitig mit dem äußeren Bein Impulse und nehmen den äußeren Zügel ebenfalls impulsmäßig an. Machen Sie das so lange, bis das Pferd auf der Volte bleibt, ohne über die Schulter nach außen zu driften. Bitte halten Sie außen nicht konstant gegen, es besteht die Gefahr, dass Sie sich festziehen und das Pferd sich weiter versteift.

 

Step 3: Antreten und Anhalten

Lassen Sie im Stand das Pferd zur Seite hin nachgeben, indem Sie einen Zügel auf den Oberschenkel legen....

 

Copyright © 2009 by Cadmos Verlag, Brunsbek

Gestaltung und Satz: Ravenstein + Partner, Verden

Fotos: Jochen Becker

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

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ISBN 978-3-86127-461-2